Der heutige Gastbeitrag passt auf ganz faszinierende Weise in den LOVE-Monat März. Es geht um ein Thema, das wir völlig unbewusst seit unserer Geburt jede Sekunde tun und gleichzeitig die wichtigste Tätigkeit unseres Lebens ist. ATMEN! Sebastian vom Projekt Phoenix beschreibt auf absolut spannende und ungewöhnliche Art, wie er die Bedeutung des bewussten Atmens beim Apnoetauchen erfuhr und teilt seine praktischen Tipps mit uns.

Ruhig lag ich im Wasser. Ließ mich einfach treiben. In gleichmäßigen Abständen atmete ich tief ein. Zuerst in die Bauchgegend. Dann in die Brust. Ich konnte nicht sagen, wie lange ich schon so trieb. Es machte keinen Unterschied. Meine Augen waren geschlossen und ich konzentrierte mich auch gar nicht darauf, wie mich die Wellen des Meeres sanft umherzogen. Meinen Schnorchel hatte ich leicht im Mund eingeklemmt. Es war so weit.

Meine Gedanken waren beinahe zum Stillstand gekommen und ich nahm den letzten, tiefen Atemzug – und hielt ihn an. Mit Bedacht und großer Sorgfalt zog ich mich entlang des Seiles runter, dass wir durch ein Gewicht beschwert in Richtung Meeresboden geschickt hatten. Ließ mich hinunter gleiten in die Tiefen des Meeres, bis ich wie ein Stein von alleine sank. Dieser eine Moment war alles, dass von Bedeutung war. Dann der nächste. Ich war komplett bei mir. Spüre, wie der Umgebungsdruck meinen Körper zusammenpresst und die Luft in meinen Lungen komprimiert. Ich harre aus. Fokussiere auf die Areale, die sich unbewusst anspannten, um sie zu lockern. Ich nehme die entstehende Reibung an den Fingern durch das Seil wahr, während ich sinke. Was rund herum geschieht, ist nicht von Bedeutung. Meine Aufmerksamkeit ist nach innen gekehrt. Der Herzschlag langsam und kraftvoll. Ein Metallblock am Ende des Seils stoppt den freien Fall. Ich öffne die Augen. Die Dunkelheit umhüllt alles. 40 Meter am Meeresgrund inmitten des Golfes von Thailand.

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Da ist etwas, dass ich in dieser Intensität noch nie erfahren hatte. Ein Gefühl des Bewusstseins, dass mir in seiner Tiefe damals noch nicht klar war: die Stille. Am Rande der Welt fand ich sie. Kaum zu überhören, weil sie so leise war. Unverfälschte, reine Stille. Eine Ressource, die wir zu selten im hektischen Leben unser eigen nennen dürfen.

  • War es, weil ich an einem fremden Ort, in einer fremden Zeit war?
  • Lag es daran, dass ich Apnoetauchen war?

Nein. Es lag an etwas anderem diese Stille zu erfahren, die mir ein weitaus bedeutenderes Bewusstsein ermöglichte: Der bewusste Umgang mit meiner Atmung. Es sind simple Dinge, die uns so selbstverständlich vorkommen, dass wir sie gar nicht mehr beachten. Jeder von uns atmet. Jeden einzelnen Tag und jeden Moment. Die wenigsten verstehen es jedoch, diese essentielle Tätigkeit bewusst zu tun. Mit eurer Atmung kontrolliert ihr, wie ihr denkt, fühlt und handelt. Wir machen es instinktiv, wenn wir Gefahren oder enormen Stress ausgesetzt sind. Wir halten inne und holen tief Luft, damit unser Fokus Raum bekommt. Oder Erleichterung. Was auch immer es ist, dass wir brauchen.

Im echten Leben reagieren wir jedoch häufig anders, ohne es zu merken. Wenn wir mit Unwohlsein, Unbehagen und Druck konfrontiert sind, reagieren wir mit Widerstand. Der Körper spannt sich an. Wir atmen kurz und flach. Unbewusst.

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Bewusste Atmung ist eine Fähigkeit – keine Selbst-verständlichkeit

Zu Beginn meines Trainings war ich nicht einmal in der Lage, eine Minute durchzuhalten. Aus einem einfachen Grund. So wie die meisten habe ich einen beherzten Atemzug genommen und losgelegt. Nur ist das einfach nicht effektiv. Stellt euch einfach vor, ihr möchtet einen Marathon laufen. Ihr beginnt ohne Training und lauft 42 Kilometer. Was würde passieren? Ihr wärt in Kürze komplett hinüber. Atmung richtig zu kontrollieren ist eine Fähigkeit, die erlernt werden muss.

Wie ihr euch die Macht des Atems zunutze macht

Schritt 1: Begebt euch in eine entspannte Position

Das Anhalten deines Atems führt automatisch zu einer Entspannung. Doch ihr legt den Grundstein. Jede Ablenkung, Störung und jeder unnötig gedachte Gedanke verbrennt Sauerstoff. Euer wertvollstes Gut. Legt euch hin und entspannt. Atmet ganz normal weiter und konzentriert euch auf eure Körperpartien. Findet ihr Verspannungen, die ihr lösen könnt? Lenkt eure Aufmerksamkeit auf eine bewusste Atmung – sonst nichts. Jeder aufkommende Gedanke wird sanft aber bestimmt seines Weges verwiesen. Das ist essentiell. Viel zu leicht lassen wir uns von kurz auftauchenden Impulsen leiten und driften in Belanglosigkeiten ab.

Schritt 2: Beginnt mit der fokussierten Atmung

Legt eure Zunge an den Gaumen um ein natürliches Ventil zu schaffen und atmet mit Bedacht ein. Konzentriert euch darauf, dass die Luft zunächst in euren Bauch strömt. Nach 2-3 Sekunden des Einatmens verlagert ihr die Strömung hin zu eurer Brustgegend. Wenn ihr eure Hände auf Bauch und Solarplexus legt, könnt ihr diesen Prozess einfacher nachvollziehen. Füllt eure Lungen mit Luft, bis es nicht mehr geht – ohne euch zu quälen.
Es soll ganz natürlich und im Fluss geschehen. Haltet einen Moment inne, bevor ihr die Luft wieder langsam ausströmen lässt. Wenn ihr deine Zunge entsprechend verformt, könnt ihr ein Luftventil bilden. Das erlaubt euch, die Luft über 10 Sekunden lang ausströmen zu lassen. Genau diesen Ablauf wiederholt ihr für mindestens 3 Minuten. Ihr werdet spüren, wie sich nicht nur euer Körper, sondern auch euer Geist immer mehr entspannt.

Das Mitzählen der Sekunden erleichtert gerade zu Beginn, den Fokus aufrechtzuerhalten. Es geht nicht darum, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk zu arbeiten, sondern in einen natürlichen und bewussten Flow des Ein- und Ausatmens zu gelangen. Solltet ihr euch schwindlig fühlen, dann stoppt diesen Prozess und beginnt komplett von neuem. Es kann sein, dass ihr fälschlicherweise hyperventiliert. Das muss auf jeden Fall vermieden werden.

Schritt 3: Nehmt euren finalen Atemzug

Wenn ihr euch bereit dafür fühlt, nehmt einen tiefen Atemzug und haltet die Luft an.
Zwingt euch nicht dazu. Kämpft nicht dagegen an. Lasst den inneren Widerstand sein und akzeptiert ihn. Überprüft euren Körper auf Anspannungen und lasst sie los. Erfahrungsgemäß ist man gerade zu Beginn sehr verkrampft. Es ist eine ungewöhnliche Situation für die meisten Menschen und ein Austritt aus der Komfortzone. Mit steigender Praxis jedoch wird es euch gelingen, die Ruhe und Reinheit dieses Gefühls mehr zu genießen. Selbst die natürliche Reaktion eures Körpers und Geistes, den inneren Widerstand zu erhöhen, wird euch keinerlei Schwierigkeiten mehr bereiten. Jedes Mal, wenn ihr eine erhöhte Anspannung in Schultern, Nacken oder Hals spürt, dann sinkt einfach tiefer in die Entspannung rein.

Schritt 4: Taucht komplett in das Gefühl ein

Es wird der Punkt kommen, wo euer Gehirn sagt, dass ihr sofort stoppen müsst, um zu atmen. In der Realität ist die Kapazität bei weitem nicht erschöpft, doch ihr gelangt an eure momentane mentale Grenzen. Selbst euer Körper wird mit unbekannten Reaktionen, wie einer unwillkürlichen Kontraktion des Zwerchfells, reagieren, um den verbleibenden Restsauerstoff eurer Luft besser zu verteilen. Bringt euch nicht zu sehr an die Grenze und lasst langsam die Luft aus, ohne zu hasten. Nehmt euch dann bewusst Zeit, wieder zu Atem zu kommen.

Welche Veränderung eures Bewusstseins könnt ihr wahrnehmen?

Wenn ihr die Übung gemacht habt, dann habt ihr die enorme Wirkung erlebt, die kontrolliertes Atmen und Anhalten der Luft mit sich bringt. Ihr seid in der Lage:

  1. euren Puls zu steuern,
  2. das Gedankenrauschen zu reduzieren oder gar auszuschalten und
  3. ihr habt eine Möglichkeit euer emotionales Empfinden zu regulieren – jederzeit.

Das war ein kleiner Einblick in die Möglichkeiten, die euch bewusstes Atmen eröffnet. Experimentiert damit. Spielt damit. Wenn immer Widerstand in eurem Leben auftreten, dann vergesst nicht: Atmet!

Vielen Dank, lieber Sebastian, für diesen höchst spannenden Beitrag zur wichtigsten Tätigkeit unseres menschlichen Daseins, dem Atmen. Auch beim Yoga spielt die bewusste Atmung eine ganz entscheidende Rolle und ich finde es seit meiner Yogaausbildung faszinierend, mich näher mit ihr zu beschäftigen. Wenn wir es ohnehin schon 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche – also unser ganzes Leben lang – tun. Doch jetzt bewusster….

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