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Die Kunst, dein Ding mit 60+ zu machen: Mein Papa als Musiker der Band Rostfrei

Heute geht es weiter mit meiner Artikelserie „Die Kunst, dein Ding zu machen“ in den verschiedensten Bereichen und Situationen unseres Lebens. Auf diesen Beitrag bin ich besonders stolz und ich freue mich so sehr, euch heute diese wunderbare Erfolgsgeschichte zu erzählen. In dieser Geschichte geht es um keinen anderen Menschen als meinen Papa Reinhard. Mit seinen 65 Jahren im Ruhestand führt er ein Leben, wie es sich viele Menschen erträumen. Er lebt jeden Tag im Sinne seiner Herzensprojekte. Ein besonders großer Lebenstraum von ihm war das Musikmachen und davon wird er euch heute in einem kleinen Interview erzählen. Ganz viel Spaß und Gänsehaut wünsche ich euch bei: Die Kunst, dein Ding mit 60+ zu machen!

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Kristin: Du hast mit 57 Jahren angefangen, dir selbst das Gitarre spielen beizubringen. War es schon immer dein Traum, dieses Instrument zu spielen? Wann kam dieser Wunsch zum ersten Mal in deinem Leben auf? Und warum hast du so lange gewartet, um dir diesen Traum zu erfüllen?

Reinhard: Anfang der 60er Jahre, wenn wir aus der Schule kamen, hörten wir immer die neuesten Schlager auf „Deutschlandfunk“. Eines Tages war da ein Hit im Radio, den wir noch nie zuvor gehört hatten. Er hieß „Love me do“ und war von einer Band aus Liverpool namens „The Beatles“, kurz bevor diese so richtig berühmt wurde. Das war ein umwerfendes Erlebnis für mich und stellte alles in den Schatten, was ich bis dahin gehört hatte. Sofort keimte in uns der Wunsch auf, es den Beatles gleichzutun, aber nur wenige Familien (wir wohnten in einer Bergarbeitersiedlung) waren damals in der finanziellen Lage, ihren Kindern (und das waren meist mehr als heute) Gitarrenunterricht, geschweige denn eine E-Gitarre mit Verstärker zu spendieren. So blieb es bei meinem Wunschtraum, der aber nie in Vergessenheit geriet.

Nach der Schule folgten Ausbildung, Wehrdienst und technisches Studium. Andere Ausgaben waren vorrangig und notwendig. Dann der Job mit immer neuen Herausforderungen, eine eigene Familie wurde gegründet, ein unser Haus gebaut. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, keine Zeit mehr für große Herzensträume zu haben. Erst nachdem mir die Firma mit 57 Jahren Altersteilzeit anbot und ich mich entschloss, über diesen Weg in den Ruhestand zu gehen, war die Zeit gekommen, mir meinen alten Traum zu erfüllen.

Kristin: Ein paar Jahre, nachdem du mit dem Gitarrespielen begonnen hast, bekamst du die Gelegenheit in der Band „Rostfrei“ als Rhythmus-Gitarrist mitzuspielen. Heute gehörst du fest zu dieser wunderbaren Band und ihr habt bereits vieles gemeinsam erlebt: Auftritte vor mehreren Hundert Menschen, ein Radio-Interview und sogar richtige Bandaufnahmen. Was bedeutet dir eure Band? Und welche Projekte und Ideen schweben euch noch für die nächsten Monate und Jahre vor?

Die-Kunst-dein-Ding-mit-60+-zu-machen-PapaReinhard: Der Einstieg bei der Band „Rostfrei“ war mehr dem glücklichen Zufall zu verdanken, dem Zufall, dass du mit dem Sohn des Bandleaders Axel zusammen bist. :-) Eigentlich fühlte ich mich noch gar nicht fit genug, in einer Band zu spielen, aber bei den ersten Proben erkannte ich: „Hey, das ist genau mein Traum, Gitarre in einer Band zu spielen!“ Das Handwerkszeug dazu hatte ich mir inzwischen selbst über Youtube beigebracht. Als Rhythmus-Gitarrist reicht es schon aus, wenn man ein gutes Dutzend Dur- und Moll-Akkorde sicher beherrscht und dazu noch die wichtigsten Barré-Griffe. Also „so what“! Und so wurde die Band mein musikalisches Zuhause und wir vier Bandmitglieder mit der Zeit zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, ja zu vier Freunden, die ich nicht mehr missen möchte.

Inzwischen habe ich mit deiner Hilfe das Projekt Homepage für die Band verwirklicht. Ein Ding, bei dem ich dachte: „Das schaffst du nie!“ Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen, was mich in der Auffassung bestärkt, dass jeder sein Ding machen kann, egal welchen Alters, wenn man nur daran glaubt. Bitte besucht mal unsere Bandseite Rostfrei Classic Rock. Wir freuen uns über Zustimmung und nette Kommentare. In der Zukunft wollen wir unser Song-Repertoire erweitern, unsere Bühnentechnik nach und nach verbessern und irgendwann auch eine eigene CD produzieren. Ein paar Cover-Songs gibt es ja schon von uns auf unserem Youtube-Kanal zu hören!

Kristin: Welche 3 Eigenschaften braucht jeder Mensch (und auch du als Gitarrist von Rostfrei), um langfristig sein Ding zu machen und sich seine Herzensträume zu erfüllen?

Reinhard: Um langfristig sein Ding zu machen, solltet ihr aufgeschlossen, selbstbewusst und überzeugend sein! Ach ja und eure Träume nie aus den Augen verlieren. Das bedeutet nicht, dass ihr nur noch danach lebt, dieses eine Ziel zu erreichen. Es heißt vielmehr, dass ihr besonnen euren Weg geht und auch den Weg dahin mit als Ziel betrachtet.

Kristin: Wenn du noch einmal ein junger Mann wärst, was würdest du heute beruflich anders machen?

Reinhard: Ein altes Sprichwort sagt:“ Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“. Wenn ein junger Mensch in Ausbildung, Studium oder Berufsleben einsteigt, hat er oder sie oft noch keine Vorstellung davon, ob der eingeschlagene Weg das „Non plus Ultra“ ist. Das kann sich auch erst später herausstellen. Eines ist aber wichtig: Wenn ihr absolut daneben liegt mit eurer Wahl, dürft ihr auf keinen Fall den Fehler machen, trotzdem dabei zu bleiben und euer Leben lang – und das täglich – gefrustet und mit Grollen im Bauch zu arbeiten. Das kann fatale Folgen haben. Ich habe Leute gesehen, die sich morgens schon übergeben mussten, wenn sie nur daran dachten, was heute wieder von ihnen verlangt wird. Dann lieber „ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“, will sagen: Lieber einen neuen Anfang wählen!

Ich für meinen Teil habe nicht unbedingt meinen Traumjob gewählt, der war ja bei Jungs aus meiner Generation Förster, Lokführer oder Pilot, aber ich habe mich für einen Job in einem Großunternehmen entschieden, der mir Spaß gemacht hat und mir nebenbei noch soziale Sicherheit sowie ein gutes Einkommen garantierte. Davon profitiere ich auch heute noch.

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Kristin: Du hast einige Jahrzehnte gewartet, bis du endlich deinen alten Herzenstraum in die Wirklichkeit umgesetzt hast. So handeln sehr viele Menschen. Entweder weil sie in ihren beruflich aktiven Jahren wenig bis keine Zeit für ihr Herzensprojekt haben oder weil Job und Traum so weit auseinander liegen. Die Gefahr ist dabei groß, dass wir gar nicht mehr aktiv werden. Glaubst du, dass sich das Berufliche nicht doch irgendwie mit dem Herzenstraum verbindet lässt? Oder sollten wir nicht besser nach einem Kompromiss in jüngeren Jahren streben und uns den Freiraum für unsere größten Träume schaffen? 

Reinhard: Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Wenn ich das aus meiner Sicht betrachte, so hat das sicherlich sehr viel mit der damaligen Welt in meiner Generation zu tun. Meine Generation und alle vor uns hatten längst nicht die Mittel und Möglichkeiten, sich Wunschträume – insbesondere die beruflichen – einfach so zu erfüllen. Das war nur sehr wenigen Priviligierten vergönnt. Der Aufstieg einer, sagen wir mal gut situierten Mittelschicht, hat ja erst so richtig mit unserer Generation begonnen. Wir waren es doch, die zum ersten Mal ernsthaft mitbestimmen konnten, was „wir“ wirklich wollen. Sei es in der Wahl der uns Regierenden, in der freien Auswahl des Berufes, in den Bedingungen am Arbeitsplatz sowie in der persönlichen Entfaltung. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949, also meinem Geburtsjahr, hat diese Freiheiten erst möglich gemacht und die Menschen mussten sich völlig neu orientieren. Dieser Freiheitsdrang hat sich dann in der beginnenden Rock’n’Roll- und Beatwelle der 50er und 60er Jahre sowie der späteren Hippie-Bewegung mit „Love and Peace“ manifestiert. Solch ein Umdenken braucht einige Zeit, selbst wenn er zum Positiven ist. Das heißt, wir haben dann euch, also unsere Kinder, erst im Sinne dieser neu gewonnenen Freiheiten erzogen. Und die könnt und sollt ihr jetzt so richtig für eure Wunschträume und Herzensprojekte ausleben.

Vielen Dank für dieses wunderbare Interview, Papa!

„Glaub an dich und du kriegst es hin, egal in welchem Alter!“ Dies ist die Botschaft, die in den Worten und der Erfahrung meines Vaters steckt. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn, dass er seinen Herzenstraum vom Musikmachen nie aus den Augen verloren hat, obwohl er ihn viele Jahre zurückstellte. Heute mit 65 Jahren kann er mit seiner Geschichte sowohl gleichaltrigen als auch jüngeren Menschen Mut machen und das ist genau der Grund, warum ich sie euch erzähle. Gebt niemals auf, an euch zu glauben und der Stimme eures Herzens zu folgen! Für den einen ist es das Musikmachen, für einen anderen ist es das Schreiben. Manchmal erfüllen sich unsere Träume ein paar Monate später, manchmal dauert es Jahrzehnte. Das Wichtigste ist immer: Am Ball zu bleiben und ins Handeln zu kommen. Es ist nie zu spät!

Ich habe diese Artikelserie ins Leben gerufen, um mich selbst und euch immer wieder daran zu erinnern, dass wir unser Leben in jedem Bereich und jeder Situation selbst bestimmen und aktiv gestalten. Es ist nicht immer einfach, dies sofort und dauerhaft zu verinnerlichen. Daher werde ich im November noch einmal zur Auffrischung von „Die Kunst, dein Ding zu machen“ von Christian Bischoff gehen. Vor rund anderthalb Jahren war ich schon bei diesem Seminarevent und seitdem hat sich einiges in meinem Leben in Richtung Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit bewegt!!